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FOTOGRAFIE 3/1972, S. 24 ff (DDR-Zeitschrift, nach der Wende eingestellt)

Alfred Neumann

Rund um das Fish-eye

Vasil-Levski-Stadion, Sofia. Die Superweitwinkelwirkung des Fish-eye schafft durch das scheinbare Auseinanderrücken der Details im Vordergrund häufig den Eindruck der Leere Vasil-Levski-Stadion, Sofia. Die Superweitwinkelwirkung des Fish-eye schafft durch das scheinbare Auseinanderrücken der Details im Vordergrund häufig den Eindruck der Leere  
Es muß so an die fünfzehn, zwanzig Jahre her sein. Da staunte mein wissenshungriges Auge beim Durchblättern eines broschierten, auf nachkriegsgrauem Papier gedruckten Buches, das mir die Geheimnisse der fotografischen Optik näherbringen sollte. Ein rätselhaftes Bild, kreisrund mit schwarzem Rand, zeigte den Marktplatz irgendeiner kleinen Stadt. Die alten Häuser, zu ihren Füßen war gegen das Rund des Bildrandes noch etwas Pflaster zu sehen, ragten mit ihren Dächern zackenförmig zur Bildmitte, die ganz einem idealen Fotowolkenhimmel vorbehalten war. Der Text besagte, dass diese Aufnahme mit einem ursprünglich für Wetterbeobachtungen konstruierten Spezialobjektiv gemacht worden war. Daher rührte auch der unwahrscheinlich große Bildwinkel von über 180°. Dem Lernbeflissenen wurde noch mitgeteilt, welch seltsame Wirkung bei waagerechter Aufnahmerichtung eintritt, weil dann nämlich sowohl die Füße als auch der Kopf des Fotografen diametral entgegengesetzt, am Bildrand mit erscheinen... Nicht allein deshalb war ich genügend vorinformiert, als ich selbst vor einiger Zeit das erste Mal ein Objektiv ähnlicher Bauart zu Testzwecken in der Hand hielt. Seit dem Anfang der sechsziger Jahre hatten nämlich immer mehr japanische Objektivhersteller die Welt mit immer neuen Varianten dieser als "fish eye" (Fischauge) bezeichneten Weitwinkel zu überraschen versucht. Die Brennweiten wurden kürzer und kürzer, die Bildwinkel demzufolge größer und größer, und die Korrektur ließ bald Lichtstärken um 5,6 mit passabler Schärfe zu. Was für Wissenschaftler gedacht und einst nur für sie einsetzbar war (Preis und technischer Aufwand ließen kaum eine andere Wahl), begann nun den Markt der Allerweltsfotografie zu erobern. Die Fotografen reagierten, wie es ihnen berechnende Reklamemanager vorschlugen: Fish-eye-Bilder galten als letzter Schrei, holten Medaillen auf Ausstellungen und in Salons, halfen ob ihrer Ungewöhnlichkeit, in der Werbung die gewöhnlichsten Dinge nach vorn zu rücken, riefen Enthusiasten und Kritiker auf den Plan.
 
Prager Straße, Dresden. Drei Beispiele für die sphärische Perspektive des Fish-eye. Zu beachten ist besonders die Abweichung der Horizontlinie bei geneigter Kamerahaltung (oberes und unteres Bild) Prager Straße, Dresden. Drei Beispiele für die sphärische Perspektive des Fish-eye. Zu beachten ist besonders die Abweichung der Horizontlinie bei geneigter Kamerahaltung (oberes und unteres Bild)
 
   
Krämer-Brücke, Erfurt Krämer-Brücke, Erfurt
Der Sturm im Wasserglas verebbte rasch. Inzwischen ist längst wieder Ruhe eingekehrt, und das Fish-eye rutschte vom Rang eines Spitzenstars in die Rolle eines enfant terribles unter den Objektiven zurück, die es nun ohne künstliche oder gar künstlerische Aufregung spielt. Es bedeutet nämlich keineswegs, wie viele auf den ersten Anhieb vermuteten, eine Revolution in der Bildgestaltung. Wer so dachte, ließ sich nur (und auch das ohne Weitsicht) vom Formalen leiten und vergaß, dass das Wie sich stets dem Was und Warum unterzuordnen hat, wenn Beständiges das Ziel ist.

Was kann das Fish-eye nun aber ohne Übertreibung leisten? Der Test eines für das Kleinbild konstruierten japanischen Typs mit der Brennweite von 12 mm, Fixfocuseinstellung, Blendenwerte 8, 11 und 16, Anpassung M 42 (PRAKTICA-Gewinde) ergab folgendes. Es öffnet Räume, die dem "normalen", dem nach klassisch zu nennenden Regeln korrigierten Weitwinkelobjektiv verschlossen bleiben. Es tat die allerdings unter Verzicht auf eine der wesentlichsten Tugenden, der weitgehenden Verzeichnisfreiheit. Fish-eyes erzeugen in Abhängigkeit von ihrer Brennweite, dass heißt ihrem objektseitigem Bildwinkel, eine sphärische Perspektive. Linien, die nicht durch den Bildmittelpunkt laufen, werden mehr oder weniger stark gekrümmt wiedergegeben, und zwar konvex zu ihrer gedachten, durch das Aufnahmezentrum führenden Parallele.


 
Die natürliche Krümmung des Bootrandes und die künstliche des Horizontes durch nach unten geneigte Kamerahaltung tragen zur eindeutigen Blickführung bei Die natürliche Krümmung des Bootrandes und die künstliche des Horizontes durch nach unten geneigte Kamerahaltung tragen zur eindeutigen Blickführung bei
    
Im Moskauer Kreml Im Moskauer Kreml
 
Veitsdom, Prag. Die sphärische Perspektive des Fish-eye führt zu völlig vom Augeneindruck abweichenden Größenverhältnissen Veitsdom, Prag. Die sphärische Perspektive des Fish-eye führt zu völlig vom Augeneindruck abweichenden Größenverhältnissen
    
Naschmarkt, Leipzig
Naschmarkt, Leipzig

Linien, die durch den Bildmittelpunkt verlaufen, werden nicht gekrümmt bzw. abgelenkt wiedergegeben Linien, die durch den Bildmittelpunkt verlaufen, werden nicht gekrümmt bzw. abgelenkt wiedergegeben
   
Hauptschiff des Veitdoms, Prag. Besonders in Innenräumen wirkt sich der extreme Bildwinkel des Fish-eye eindrucksverstärkend aus, wenn auf die Wiedergabe realer Größenverhältnisse verzichtet werden kann Hauptschiff des Veitdoms, Prag. Besonders in Innenräumen wirkt sich der extreme Bildwinkel des Fish-eye eindrucksverstärkend aus, wenn auf die Wiedergabe realer Größenverhältnisse verzichtet werden kann
Das Ergebnis ist ein seltsames Linienspiel, das am besten aus den Bildern zu diesem Beitrag abgelesen werden kann. Resultierend aus der verhältnismäßig großen Schärfentiefe und der Überdimensionierung des Vordergrundes in Relation zu weiter entfernt befindliche Bilddetails wird auch die Raumtiefe besonders stark betont. Der Fotograf, der ein Fish-eye in seiner Kamera hat, wird also gut daran tun, neben markanten Linien auch nach dominierenden Nahpunkten zu suchen. Korrespondierend mit dieser Überbetonung des Vordergrundes ist die Erkenntnis, dass das Fish-eye besondere Tücken bei der Darstellung aller vergleichbaren Dimensionen bereithält. Sie wirken sich in unschöner Weise vor allem dann aus, wenn der Mensch zum Gegenstand der Abbildung wird. In der Praxis hilft da auch kein Herausreden mit Formulierungen, wie karrikaturhaft und ähnliches. Die einzige berechtigte Konsequenz besteht darin, das Fish-eye in noch geringerem Maße, als das "normale" Weitwinkel für die Menschendarstellung zu verwenden.

Die optischen Voraussetzungen der Fish-eyes bedingen eine sehr große und stark gekrümmte Vorderlinse des Objektivs. Sie ragt in der Regel im Zentrum weit über die Fassung hinaus. Gegenlichtblenden, die unter anderem auch vor Regentropfen schützen, sind meist illusorisch wegen des großen Bildwinkels, oder auf nahezu hilflose Stummel reduziert. Diffuses und von hinten kommendes Licht stellt also die bevorzugte Beleuchtung dar, wenn man nicht aus den Spiegelungen der Lichtquelle besondere Effekte ableiten will. Fish-eye-Aufnahmen sind heute nichts Außergewöhnliches mehr, obwohl sie noch oder besser schon wieder zum Seltenen gehören. Zu gering ist die Zahl der Motive, bei denen der Einsatz dieser Objektive eine bedeutsame Steigerung der Bildwirkung bringt. Es lohnt sich nicht, ihnen hinterherzustaunen, auch das ergab der Test, denn allzu vordergründig gibt sich häufig ein betonter Vordergrund, allzuviel Ablenkung liegt manchmal in den abgelenkten Linien.

Alle Fotos sind Wiedergaben des vollen Negativformats. Die Vignettierung der Bildecken resultiert aus der kreisförmigen, das Format an den Längsseiten überschneidenden Abbildung durch das Fish-eye.


Die schlechte Bildqualität beruht darauf, dass nur eine Normalpapierkopie des Artikels zur Verfügung stand.

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